Jugend

Jugendarbeit in Europa 2020

Interview mit Evi Rodemann über die Situation der christlichen Jugendarbeit in Europa:

Evi, du hast über deine internationalen Engagements einen sehr guten Überblick über das, was die Pandemie für Jugendarbeit in Europa bedeutet. Bricht gerade alles zusammen oder geht der Kelch an der Jugendarbeit vorbei?
Jugendarbeit in diesen Covid-19 Zeiten ist mehr als herausfordernd. Es bringt uns an etliche Grenzen. Innerlich wie äußerlich. Doch die Frage ist, wie gehen wir immer wieder neu mit diesen Challenges um? Oder anders gestellt: Welche Fragen bringt diese Krise hervor?
In allem haben wir als Jugendverantwortliche immer wieder eine Wahl. Sich hängen lassen und aufgeben oder aufraffen, Krone richten, in die Hände spucken und los. Klar, es ist nicht immer einfach und benötigt neben Gottes gutem Zuspruch Teamarbeit, innovatives Denken und Austausch mit anderen.

Also ein klares „Sowohl-als-auch“ ;). Was sind Beispiele für gelungene Teamarbeit und innovatives Denken?
Dass dieser Zuspruch und die Vernetzung gerade jetzt so wichtig sind, zeigt z.B. die Jugendleitergruppe von Mr. Jugendarbeit. Im Januar mit einer Handvoll Leuten ist Andy Fronius aus Rumänien heraus für den deutschsprachigen Raum gestartet. In dieser Pandemie ist die Gruppe von 180 auf über 800 Jugendleiter gewachsen und seine Newsletter erreichen über 1500 Menschen. All deren Kanäle zusammen erreichen 5000 Menschen täglich. Da hat jemand wirklich in die Hände gespuckt und die Möglichkeiten ergriffen. Diese Community lebt und hilft sich in diesen Zeiten.

Wie sieht die Lage für Jugendarbeiten über unseren Tellerrand hinaus aus? Hast du Beispiele aus Europa?
Eine Erhebung der Evangelischen Allianz in Großbritannien im September 2020 zeigte auf: Wo Kirchen missionarisch aktiv in diesen Zeiten sind, da herrscht das Gegenteil von Zahlenrückgang, Austritten etc. Es findet Wachstum an allen Ecken statt. Das gleiche sehe ich auch in verschiedenen Jugendarbeiten in Europa. Wo Jugendleitende missionarisch unterwegs waren, sind die Arbeiten trotz Corona weder zusammen gebrochen noch geschrumpft.
Die Digitalisierung von Jugendarbeit hat viel Kraft gekostet. Aber da wo Teams sich sehr schnell hingesetzt haben und sagten: „Jetzt erst recht“, sind coole missionarische Aktionen und Projekte ins Leben gerufen worden, die es sonst nicht gegeben hätte. Und die Auswirkungen derer sind zu merken.
Pais Europe hat vermehrt angefangen, ihre Haverim-Bibelgruppen online anzubieten, wo junge Menschen zusammen kommen, die noch nicht viel mit Glauben am Hut haben. Freunde luden unbekümmert ihre Freude ein.
Hope Together (www.advance2020.org/amplify) hat sich im Lockdown neu orientiert und bildet von Januar bis Juli 2021 100 junge Evangelisten zwischen 11-17 Jahren aus. Dafür wurde ein Online-Format entwickelt, welches noch mehr junge Menschen erreichen wird. Der Slogan von Jugenddirektor Dan Randall ist hier: Lockdown was not our shutdown! (Der Lockdown war nicht unser Ende!).
Das Jugendnetzwerk der Evangelischen Allianz Niederlande, Innov8, gestaltete sofort wöchentliche Calls als Angebot und Austausch für Jugendverantwortliche. Diese führte zu mehreren Kooperationen und bietet jetzt ein monatliches Innov8 Café, wo man als Community miteinander unterwegs ist.
Die Studentenarbeit IFES Europa (zu der in Deutschland die SMD gehört) merkte, dass sie ihr Leitertraining in dieser Phase umstellen musste und entwickelte ein Programm „Leading through the fog“ (Durch den Nebel leiten), an dem gerade 150 junge Leitende teilnehmen. Junge Leitende werden vorbereitet, durch die Krise zu leiten.

Das bedeutet, viele Arbeiten gingen nicht nur ins Netz, sondern vernetzten sich auch untereinander?
Der Trend dieser Synergien, die Kooperationen und das Miteinander und nicht ein Gegeneinander oder Konkurrenz innerhalb der Jugendarbeiten - national aber auch auf Europa-Ebene – haben dazu beigetragen, durch diese Krise gemeinsam durchzugehen und sich manchmal auch gegenseitig durchzutragen. Nicht einer sollte nur der Corona-Gewinner sein, sondern so viele wie möglich.
Neben dieser Vernetzung innerhalb von Ländern haben sich auch etliche Mentoren zusammengesetzt und bieten nationale Netzwerken an, sich online mit ihren wichtigsten Jugendverantwortlichen zu treffen und sie zu ermutigen. Kosovo war als erstes am Start, jetzt folgt Bulgarien. Gerade da, wo Leitende müde und mutlos geworden sind, braucht es dieses Miteinander besonders und ist digital super zu lösen.

Eine Möglichkeit der Reaktion ist die Umstellung auf Online-Angebote und damit verbunden die Hoffnung, die Reichweite zu erhöhen. Aber das stellt die bisherige Arbeit auch massiv in Frage. Veränderungen sind nötig.
Youthscape in England, eine der größten Jugendarbeiten in Europa, hat etliche großartige Bereiche und Angebote. Als Team wussten sie, sie müssen jetzt ihre Arbeit neu priorisieren. Sie sind mit Mentoring an Schulen unterwegs, schulen Jugendleiter, unterstützen Kirchen bei der Neugründung von Jugendarbeiten, entwickeln verschiedene Stundenformate etc.
Durch den massiven Anstieg von Depressionen unter Teenagern switchten sie sofort um, sammelten ihre Ressourcen und fokussieren sich darauf, etwas für diesen Bereich zu erfinden. Gesprächsmethoden wurden entwickelt, Leiter geschult, ein Format entwickelt: „Operation Isolation“. Mit großem Erfolg! www.youthscape.co.uk/store/product/operation-isolation
Sie boten ebenso im Herbst eine Wochenendkonferenz für Jugendleiter an, um ihnen zu helfen, eine neue Vision für ihre Arbeiten zu entwickeln. Jetzt planen sie für den 13. März 2021, ein Jahr nach dem 1. ausgerufenen Lockdown in England, ein weiteres Training anzubieten, was in die Zukunft weisen soll. Innovation in den Jugendarbeiten statt nur etwas Kosmetik.

Das klingt ja so, als ob die Pandemie Europas Jugendarbeiten sehr gut getan hätte! Endlich konnte zusammenfinden, was zusammengehört, starten, was dran war…
Neben all diesen positiven Vernetzungen sehen wir eine große finanzielle Instabilität auf uns zurasen und es gibt viele Kirchenverbände, die jetzt schon sagen, dass etliche Gemeinden nach der Pandemie nicht mehr aufmachen werden. Die Arbeit ist weggebrochen, die Leute sind weg. Da fragt man sich zwangsläufig, was es für Auswirkungen auf die Jugendarbeiten haben wird. Es wird eine Arbeitslosenwelle auf uns zurollen, die Auswirkungen auf Ausbildungsstellen und weitere Zukunftsoptionen für junge Menschen hat. Auch im Bereich der freiwilligen Mitarbeitenden sehen wir einen Rückzug, viel Ohnmacht und weniger Präsenz.
Ich habe jetzt aber auch zum wiederholten Mal von großen Jugendwerken und Jugendnetzwerken in Europa gehört, wie sie sich in dieser Situation agil und adaptiv verhalten. Sie stellten Berechnungen an, wie das schlimmste Szenario aussehen könnte, bevor man die gesamte Arbeit einstellen müsste. Sie haben der möglichen Gefahr bewusst ins Auge geblickt. Leitende und Mitarbeitende sind in Kurzarbeit gegangen, aber das hieß für viele nur, etwas weniger Geld bekommen und volle Power voraus arbeiten und entwickeln. Sie waren getrieben davon, dass sie doch als Christen genau für solch eine Zeit gemacht sind und die Jugendlichen sie brauchen. Wirkliche Wunder sind hier passiert. Es wurde in Teams für Finanzen gebetet und teilweise haben diese Werke heute mehr Spenden erhalten verglichen mit deren letzten 5-10 Jahren. Mehrfach ohne große Bettelaktionen.
Wir feiern das, was innovativ läuft, aber trauern auch sehr um die vielen Arbeiten, die es zurzeit nicht schaffen und mutlos geworden sind.

Wow! Da sind harte Herausforderungen, aber auch viel Hoffnung in schwerer Zeit vor Ort. Aber auch danach, dass wirkliche Begegnungen nicht zu ersetzen und nötig sind, um Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Wird Jugendarbeit jemals wieder so sein können wie vor der Pandemie?
Viele von uns sagen nein. Wir haben Manches aufgegeben, was wir sein lassen werden und dafür haben wir Neues gewonnen, was wir behalten sollten.
Neben der Digitalisierung von Jugendarbeiten, die sicherlich in 2021 in hybrider Ebene angeboten wird, ist der wichtigste Ansatz, den einzelnen Jugendlichen vermehrt in den Mittelpunkt zu nehmen. Nachfolge Jesu kann selten durch Online-Formate erreicht werden. Nachfolge und Nacharbeit muss im Kleinen stattfinden. Die Fokussierung wird sich wohl zuerst auf kleine Gruppen von Jugendlichen konzentrieren, die dann zu größeren Treffen zusammenkommen. Arbeiten, die wenig ihren Jugendlichen nachgegangen sind und nicht (online) Freundschaften gesucht und gepflegt haben, haben hier langfristig verloren. So wie Jugendarbeit vor Covid-19 aussah, wird sie nie wieder aussehen können. Aber das ist weder schlimm noch schrecklich, denn Gott baut sein Reich – auch inmitten der Krise.

Die gute alte Kleingruppe erlebt also ein Revival: Nachfolgegruppen, Hauskreise, … Gibt es da noch weitere Ideen oder Ansätze, wie Jugendarbeit vor Ort aussehen kann, wenn man sich wieder (in kleinen Gruppen) in Präsenz treffen kann?
Jugendarbeit ist immer als erstes eine Beziehungsarbeit und dafür muss unter Corona intensiv nachgedacht werden, wie Beziehungen unter all den Restriktionen, Lockdowns etc. laufen können.

Deshalb sind besonders jetzt kleine Gruppen überlebenswichtig. Da werden auch Hauskirchen eine neue Renaissance erleben. Wo im Augenblick die Ein- oder Zweihaushaltsregel läuft, braucht es hybride Formen. Etwas online gemeinsam erleben und dies in kleinen Gruppen miteinander schauen und austauschen. Jugendleiter bringen z.B. ihren Jugendlichen Essen vorbei und es wird dann gemeinsam online gekocht. Noch zentraler ist aber die Wahrnehmung des Einzelnen. Den einzelnen Jugendlichen nachgehen, anrufen, online verabreden, whatsappen und nicht erst auf die gemeinsame Jugendstunde warten. Jeder einzelne von ihnen möchte gesehen werden.

Evi, ich danke dir für das Gespräch!

 

Evi Rodemann aus Hamburg, Theologin und Event-Managerin, sieht sich als Cheerleaderin für junge Leute und junge Leitende

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